„Es gehört mehr Mut dazu eine Firma zu schließen als sie zu gründen“

Optikernetz befragt junge Unternehmerinnen und Unternehmer in der Branche dazu, wie sie sich den kleinen und großen Herausforderungen des Berufes stellen. Lesen Sie heute unser Interview mit Christin Jurisch, Inhaberin von Bammert Brillen e.K. in Aalen.

Optikernetz: Haben Sie ein Vorbild in der Arbeitswelt, das Sie inspiriert?

Christin Jurisch: Mein Opa und mein Papa. Sie sind bzw. waren Unternehmer und mit ihrer  Einstellung meine Vorbilder. Familie, Firma, Freunde, Ehrenamt und im Ort aktiv (Sportverein und Gemeinde)… Alles unter einen Hut zu bringen ist mein Bestreben.

Optikernetz: Wieso sind Sie Selbstständige und Betriebsinhaberin? Hatten Sie als Azubi und Gesellin schon konkret auf die Selbstständigkeit hingearbeitet, oder hat sie sich „einfach so“ ergeben?

Christin Jurisch: Die Selbstständigkeit war immer das Ziel.  Wie das Ziel erreicht wurde, das hat sich jedoch eher so ergeben.

Optikernetz: Gab es Momente, in denen Sie an Ihrer Selbstständigkeit gezweifelt haben und aufgeben / als Angestellte Augenoptikerin weiterarbeiten wollten? Falls es die gab: Was hat Ihnen aus der „Krise“ herausgeholfen?

Christin Jurisch: Diese Frage kann ich nicht beantworten. In sechs Monaten gibt es so viel Neues zu erlernen und zu erleben, da gibt es keine Zweifel an der Selbständigkeit. Wie es in fünf Jahren ausschaut, wenn die ersten Hochgefühle verblassen, kann ich nicht sagen.

Optikernetz: Was können sie der jungen Leuten, die einen Schritt in die Selbstständigkeit wagen möchten oder aber seit kurzem selbständige Betriebsinhaber sind, als Tipps mit auf den Weg geben?

Christin Jurisch: Einfach machen! Mein Opa sagte eins zu mir: Es gehört mehr Mut dazu eine Firma zu schließen als sie zu gründen.

Optikernetz: Was war Ihr größter Fehler in der Anfangszeit der Selbstständigkeit, den junge Selbstständige heute vermeiden sollten?

Christin Jurisch: Fehler könnte ich keine benennen, da ich alles so wieder machen würde. Ob das alles aus einer anderen Perspektive richtig war, kann ich nicht sagen.

Optikernetz: Was ist das Beste am selbstständig sein, was das Schlechteste?

Christin Jurisch: Wir starten mit dem Schlechten: Mit Rechtswirksamkeit der Selbständigkeit lastet ein anderer Druck auf den Schultern, der mir nicht bewusst war. Für mich hat sich im Grunde nix geändert (Vom Mitarbeiter im Monat x zum Chef im Folgemonat). Aber so wenig hab ich vorher nicht geschlafen und ein Frühaufsteher war ich schon 3x nicht!

Das Gute: Das kann ich noch nicht klar erkennen. Ist noch ganz schön grau alles. Kredit, neue Geräte, die beim Kauf nicht geplant waren, all  das ist das unternehmerische Risiko. Wie bei alle, in meinem Leben bisher, wird sich hier auch alles zum Guten wenden. In der ersten Zeit gibt es nicht die Vorzüge, die man sich wünscht als Unternehmer.  Das Ziel ist es, kurzfristig bis mittelfristig meine Ziele umgesetzt zu haben, dass ich dann sehe, wofür ich dieses Risiko Selbständigkeit eingegangen bin.

Optikernetz: Vernetzen Sie sich mit anderen Jungunternehmern aus der Augenoptik, tauschen sich aus, geben sich Tipps? Gibt es einen spürbaren Zusammenhalt, oder ist man doch eher Einzelkämpfer und sieht die anderen als „Konkurrenz“?

Christin Jurisch: Vernetzt bin ich mit jungen Unternehmen bei den #JuniorenDesHandwerk. Das sind junge Selbständige aus verschiedenen Gewerken Deutschlandweit. Alle Firmeninhaber haben dieselben Themen, die sie bewegen. Mir fällt es leichter, über Themen zu sprechen wie Personalfindung, Personalführung, Werbung usw. Also alles, was Gewerkübergreifend ist, mit den Junioren zu bereden. Alle befassen sich damit, setzen sich damit auseinander und es betrifft sie genauso.

Vor Ort mit den Kollegen wird sich gegenseitig geholfen, auf einer höflichen Art. Es wird bei der einen oder anderen Veranstaltung (Messe, Schulung und etc.) über Fachbezogenes philosophiert. Wie z.B. sind deine Erfahrungen mit diesem Produkt (Software), kannst du es empfehlen oder rätst du ab.

Ich persönlich habe mich bei allen meinen Kollegen vorgestellt (wer ich bin und welches Unternehmen ich weiter führen werde). Das ist auf Zuspruch gestoßen. Wie es sich in einer 1-Millionen-Stadt verhält, weiß ich nicht. Bei einem Ort mit 55.000 Einwohnern war es ein guter Start.

Optikernetz: Wir beobachten, das viele Azubis nach der Ausbildung der Augenoptik den Rücken kehren. Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Augenoptik ändern, damit mehr junge Menschen in der Augenoptik bleiben / in die Augenoptik finden / sich selbstständig machen?

Christin Jurisch: Das Schulsystem! EINHEITLICH BUNDESWEIT !!!

Das Abi muss wieder schwer werden (Eine Auszeichnung vielleicht auch zwei pro Jahrgang und NICHT 30). Dass wieder die ganz schlauen Theoretiker studieren und die schlauen Macher sich nicht von den Hochschulen abwerben lassen und ihrem Herzen folgen können und eine Ausbildung absolvieren. Und dann das Risiko eingehen und Selbständig werden mit dem Erfindergeist.

Optikernetz: Welches Thema könnte Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren in der Augenoptik an Relevanz gewinnen?

Christin Jurisch: Da die Mode gerade „Retro“ aufgreift und viele sich an das „von früher erinnern“ denke ich, das wird sich in vielem wiederspiegeln.

Viele sagen das Internet wird die Zukunft. Wird es für viele auch sein. Das werden dann die ersten sein, die sich beschweren, warum es keine Geschäfte mehr in der Innenstadt gibt.  Wenn es diese nicht mehr gibt, werden nach und nach die Cafés schließen, weil es kein Fensterbummeln am Sonntag mehr gibt. Dadurch steigt die Arbeitslosigkeit und so dreht sich die Spirale. Es wird weiterhin „Brille im Internet“ geben. Das Internet kann sie nicht einstellen und nicht beraten.